05Wenn in der Musikwelt das Wort Senkrechtstart fällt, ist meistens eine gehörige Portion Skepsis angebracht, doch bei Joshua Pepe fühlt sich der aktuelle Wirbel erstaunlich organisch an. Der Wiener Newcomer hat mit „Engelsblick“ einen Track vorgelegt, der genau in die Schnittmenge aus digitalem Zeitgeist und echtem musikalischem Handwerk zielt. Während die halbe Industrie noch darüber rätselt, wie man Authentizität simuliert, spaziert Pepe im Fake-Pelz durch das verschneite Wien und lässt die Algorithmen für sich arbeiten, ohne dabei wie ein bloßes Produkt zu wirken.
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Wenn der Freund von Fellowsoph Kardinal Kaos die Booth betritt, ist das kein gewöhnlicher Recording-Termin, sondern eher eine Operation am offenen Herzen der hiesigen Rap-Landschaft. Mit seinem neuen Langspieler Zahn Luc Picard liefert der Wiener Wortakrobat ein Werk ab, das so sperrig wie genial ist und sich konsequent jedem Mainstream-Diktat entzieht. Wer hier nach polierten Pop-Refrains oder austauschbaren Trap-Floskeln sucht, wird enttäuscht, denn Kaos pflegt einen Stil, der gleichermaßen von technischer Finesse und einem fast schon chirurgischen Zynismus geprägt ist.

Es gibt Momente, da fragst du dich ernsthaft, ob die Akteure zu viel Zeit im Studio oder einfach nur zu viel Zeit vor der Röhre verbracht haben. Bei Fellowsoph und Edi Flaneur ist die Antwort ein klares Ja zu beidem. Mit ihrer Funk und Fernsehen LP liefern die beiden Wiener Originale ein Stück Arthouse-Rap ab, das sich irgendwo zwischen einer durchzechten Nacht im Beisl und einem Fieberraum-Marathon durch das Nachmittagsprogramm der Neunziger bewegt. Während andere Rapper versuchen, den nächsten Algorithmus-Hit zu landen, verlieren sich Fellow und Edi lieber in den Tiefen der Mattscheibe und kommen mit einem Sound zurück, der so staubig und doch so lebendig ist, dass man den Geruch von altem Polster und erhitzter Elektronik förmlich riechen kann.

Vergesst alles, was ihr über polierte Radio-Produktionen wisst, denn wenn Mo Cess und Chrisfader die Regler übernehmen, geht es nicht um Reichweite, sondern um Resonanz. Mit ihrem neuen Album „Neie Ufer“ liefern die beiden ein Werk ab, das sich wie eine offene Wunde anfühlt, die gerade beginnt zu heilen.
Es ist die konsequente Fortführung dessen, was mit „Klåmm“ begann, aber mit einer Reife und einer klanglichen Tiefe, die man in dieser Form selten findet. Hier wird nicht einfach nur gerappt, hier wird eine Übergangsphase zwischen zwei Lebensabschnitten seziert, die jeden von uns irgendwann packt. Es geht um die harten Brocken: Das Älterwerden, die Reue über verpasste Chancen und diesen brennenden Wunsch, sich endlich zu bessern, während man gleichzeitig den Mut für den Sprung ins Ungewisse sucht.

Stell dir vor du stehst auf einer dieser glanzvollen Partys wo das Sektglas in der Hand schwerer wiegt als die Gespräche und überall diese Typen mit den perfekt sitzenden Sakkos und dem einstudierten Lächeln herumstehen.
Du triffst diesen einen Kerl der dir mit einer fast schon beängstigenden Selbstsicherheit erklärt warum er so völlig anders als der Rest dieser versnobten Gesellschaft sei während er gleichzeitig an seiner teuren Uhr nestelt.
Rosa Roth hat für genau diese Momente der vermeintlichen Exklusivität den perfekten Soundtrack geschrieben und entlarvt mit einer herrlich süffisanten Leichtigkeit dass unter der maßgeschneiderten Fassade doch nur derselbe fade Charakter steckt. Es ist fast so als würde sie uns an der Bar einen Drink reichen und uns mit einem vielsagenden Augenzwinkern beobachten wie wir langsam hinter die Kulissen dieses gut inszenierten Schauspiels blicken.
Wer unser Medium verfolgt, weiß genau, dass wir hier nicht für das belanglose Hintergrundrauschen der Playlist-Algorithmen zusammenkommen, sondern für das echte Handwerk. Heute liegt ein Track auf dem Seziertisch, der die Geister scheiden wird, aber genau das macht gute Musik schließlich aus. Die Produktion ist kein Zufallsprodukt, sondern eine bewusste Ansage an die eigene Komfortzone.
Während der Rest der Szene noch versucht, den Sound von vorgestern zu kopieren, wird hier mit einer Präzision gearbeitet, die fast schon chirurgisch wirkt. Man spürt förmlich, wie jede Spur, jeder Effekt und jeder Cut genau dort sitzt, wo er hingehört, um die maximale Wirkung zu erzielen. Es ist diese seltene Mischung aus technischer Perfektion und einer ungeschönten, fast schon dreckigen Energie, die hängen bleibt. Der Rhythmus schlägt nicht nur ein, er diktiert die Atemfrequenz, während die Melodieführung subtil genug bleibt, um nicht kitschig zu wirken, aber präsent genug ist, um sich im Gehörgang festzubeißen.
Der Track „Do I Do“ von Antrue und Awon, produziert von Chill-Ill, ist ein Paradebeispiel für eine gelungene internationale Kollaboration, die tief in der Golden-Era-Ästhetik verwurzelt ist. Chill-Ill liefert hier ein instrumentales Fundament, das mit seinen warmen Texturen und dem präzisen Drum-Programming genau den richtigen Vibe für die lyrische Entfaltung bietet.
Die Kombination aus Antrues markantem Vortrag und der gewohnt souveränen Performance von Awon sorgt für eine Dynamik, die den Song weit über den Standard-Hip-Hop hinaushebt. Es geht in „Do I Do“ nicht nur um technische Finesse, sondern um die spürbare Leidenschaft für das Handwerk und die Kultur hinter den Reglern und dem Mikrofon. Der Track fließt mühelos dahin und schafft es, eine entspannte Atmosphäre mit inhaltlicher Tiefe zu verbinden, was ihn zu einer perfekten Ergänzung für jede gut kuratierte Playlist macht.