Wenn der Freund von Fellowsoph Kardinal Kaos die Booth betritt, ist das kein gewöhnlicher Recording-Termin, sondern eher eine Operation am offenen Herzen der hiesigen Rap-Landschaft. Mit seinem neuen Langspieler Zahn Luc Picard liefert der Wiener Wortakrobat ein Werk ab, das so sperrig wie genial ist und sich konsequent jedem Mainstream-Diktat entzieht. Wer hier nach polierten Pop-Refrains oder austauschbaren Trap-Floskeln sucht, wird enttäuscht, denn Kaos pflegt einen Stil, der gleichermaßen von technischer Finesse und einem fast schon chirurgischen Zynismus geprägt ist.
Die Produktionen auf dem Album bilden das perfekte Fundament für diese verbalen Exkursionen. Es knistert im Gebälk, während die Beats zwischen staubigem Boom-Bap-Dreck und futuristischen Sound-Experimenten pendeln, was dem Titelhelden – einer charmanten Wortspiel-Fusion aus dentaler Pein und intergalaktischer Führungsqualität – mehr als gerecht wird. Es ist diese spezielle Honigdachs-Attitüde, die hier aus jeder Pore trieft: kompromisslos, eigenwillig und technisch auf einem Niveau, das viele Kollegen vor Neid erblassen lässt.
Besonders beeindruckend ist die Dichte der Texte, die beim ersten Durchlauf kaum vollständig zu erfassen sind. Kardinal Kaos jongliert mit Metaphern, die man erst einmal sacken lassen muss, und verpackt gesellschaftliche Beobachtungen in Punchlines, die wie ein unerwarteter Besuch beim Kieferchirurgen treffen. Zahn Luc Picard ist kein Album für die Hintergrundbeschallung beim Kochen, sondern eine Platte, die Aufmerksamkeit erzwingt und den Hörer dazu einlädt, sich in den verschachtelten Reimketten und der düsteren Atmosphäre zu verlieren.
Am Ende bleibt das Gefühl, dass hier jemand genau die Musik macht, die er selbst hören will, ohne nach links oder rechts zu schielen. Das Album ist ein Manifest für alle, die Rap noch als Handwerk und lyrische Herausforderung begreifen. Kardinal Kaos festigt mit diesem Release seinen Status als einer der interessantesten Exegeten des Wiener Untergrunds und beweist, dass man auch im Jahr 2026 noch relevant sein kann, wenn man sich schlicht weigert, die ausgetretenen Pfade zu betreten.
Folge ihm auf Insta und an Deiner Stelle würde ich mir eh die Vinyl holen.