
Vergesst alles, was ihr über polierte Radio-Produktionen wisst, denn wenn Mo Cess und Chrisfader die Regler übernehmen, geht es nicht um Reichweite, sondern um Resonanz. Mit ihrem neuen Album „Neie Ufer“ liefern die beiden ein Werk ab, das sich wie eine offene Wunde anfühlt, die gerade beginnt zu heilen.
Es ist die konsequente Fortführung dessen, was mit „Klåmm“ begann, aber mit einer Reife und einer klanglichen Tiefe, die man in dieser Form selten findet. Hier wird nicht einfach nur gerappt, hier wird eine Übergangsphase zwischen zwei Lebensabschnitten seziert, die jeden von uns irgendwann packt. Es geht um die harten Brocken: Das Älterwerden, die Reue über verpasste Chancen und diesen brennenden Wunsch, sich endlich zu bessern, während man gleichzeitig den Mut für den Sprung ins Ungewisse sucht.
Chrisfader und Mo Cess haben ein psychedelisches Sound-Gerüst gezimmert, das weit über klassischen Boom-Bap hinausgeht. Die Beats sind keine bloßen Unterlagen für Lyrics, sondern atmosphärische Räume, in denen sample-basierte Hip-Hop-Tradition auf eine fast schon cineastische Melancholie trifft.
Was dieses Album aber wirklich zu einem Unikat in der aktuellen Veröffentlichungsflut macht, ist der konsequente Einsatz von Turntablism als narratives Element. Wer die beiden jemals live erlebt hat, weiß, dass die Scratches von Chrisfader keine nostalgische Deko sind, sondern wie ein zweiter MC fungieren, der die Stimmung lenkt und die Erzählung von Mo Cess mit chirurgischer Präzision unterstreicht.
Jeder Cut, jede Bassline und jedes Wort auf „Neie Ufer“ wirkt wie eine bewusste Entscheidung gegen den schnellen Konsum. Das Mastering von DJ Buzz gibt dem Ganzen den nötigen Druck, ohne die intime Atmosphäre der Aufnahmen zu zerstören, während Features wie der Part von Worst Messiah oder die Vocals von Johanna Mettnitzer genau die richtigen Farbtupfer setzen.
In einer Szene, die oft vor lauter Kopien der Kopie erstickt, klingen Mo Cess und Chrisfader nach absolut niemandem außer sich selbst. Es ist ein sperriges, ehrliches und verdammt atmosphärisches Album, das seinen Platz nicht durch Marketing-Budgets, sondern durch pure Substanz verdient hat. Wer wissen will, wie moderner Hip-Hop klingt, der seine Wurzeln ehrt, aber den Blick starr nach vorne richtet, sollte sich diesen Release auf Dauerschleife geben.